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Mittendrin2020 - Alltag in Corona-Zeiten

Eröffnung: 3. Dezember 2020
Ausstellungsende: 3. Dezember 2021

Liebe Besucherinnen und Besucher unserer Ausstellung,

2020 war ein außergewöhnliches Jahr. Das Corona-Virus hat unseren Alltag in nie dagewesenem Ausmaß geprägt. Plötzlich mussten wir lernen mit Regelungen und Maßnahmen umzugehen, die unser Leben stark beeinflussen.
Eine Personengruppe ist von diesen Regelungen und Maßnahmen besonders betroffen: Menschen mit Behinderung.

Gehörlose zum Beispiel können das Mundbild ihres Gegenübers nicht mehr sehen, weil es von einem Mund-Nasen-Schutz bedeckt ist, blinde Personen sind orientierungslos im Raum, wenn sie Abstandsmarkierungen nicht wahrnehmen können, Bürgerinnen und Bürger mit kognitiver Einschränkung verstehen die vielen Regelungen nicht, weil sie zu schwer formuliert sind und Menschen mit einer seelischen Beeinträchtigung drohen aufgrund von Kontaktverboten zu vereinsamen. Die neu entstandenen Barrieren sind vielfältig.

Anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung am 3. Dezember 2020 haben wir nachgefragt:
Was hat Menschen mit einer Einschränkung bewegt? Welche Erfahrungen wurden gemacht? Aus den spannenden Beiträgen, die uns erreichten, ist diese kleine, aber feine Online-Ausstellung entstanden. Mit großem Einfallsreichtum wurden Berichte und Gedichte geschrieben, Bilder gemalt und Objekte kreiert. Die Themen, die zum Ausdruck kommen, sind vielfältig:

Was bedeutet Abstand halten in Gebärdensprache? Dies und noch viel mehr erfahren Sie im Film der Lindenparkschule, der die Veränderungen im Schulalltag sichtbar macht.

Eine zusätzliche Hürde erlebte Lissi K., die lange Zeit ihre Wohnung nicht mehr verlassen konnte, weil der Aufzug defekt war. Diese Zeit nutzte sie, um ihre Gedanken in einem Gedicht zu verarbeiten und hoffnungsvoll Corona zu trotzen.

Mit Kreativität begegneten den neuen Umständen auch Frau Marciniak, Frau Khattab und Herr Schmoll. Entstanden sind ein Virus aus Filz, eine Büste mit selbstgehäkeltem Mund-Nasen-Schutz und ein Bild der geschlossenen Allianz-Arena in München.

Hoffnung ist jedoch nicht bei allen zu spüren. Im Beitrag „Corona & Psyche“ visualisiert Marie ihre innere Zerrissenheit und Unzufriedenheit, die in einem Ekel vor sich selbst zum Ausdruck kommt.

Ängste vor der unbekannten Situation spiegeln sich in der Pastellzeichnung von Herrn Bremer wieder, der den inneren Dämonen mit einem Kerzenlicht begegnet.

Welche Möglichkeiten gibt es, in den aktuellen Zeiten Halt zu finden? Diese Frage stellte sich Herr Xander und schuf eine Kirche, die für ihn einen Rückzugsort darstellt.

Gemischte Gefühle prägen die Beiträge von Frau Savic, Frau Sykora, Herrn Enderle, Herrn Kinbacher und anderen. Sie erzählen ebenfalls von Ängsten, von Traurigkeit, Unsicherheit und fehlenden Strukturen, aber auch von Freude und positiven Erlebnissen, denn nun war freie Zeit vorhanden, die mit geliebten Menschen oder für kreatives Schaffen genutzt werden konnte.

Wir danken allen Kunst- und Kulturschaffenden für ihre wundervollen Beiträge.

Ihnen, liebe Besucherinnen und Besucher, wünschen wir nun viel Spaß beim virtuellen Gang durch die Ausstellung.

Nutzungshinweis: Bitte klicken Sie auf die grauen Balken. Dann öffnen sich die Beiträge.

Diese Ausstellung ist im Rahmen des inklusiven Aktionstages Mittendrin entstanden, der anlässlich des Internationalen Tages der Menschen mit Behinderung jedes Jahr am 3. Dezember von Stadt und Landkreis Heilbronn durchgeführt wird. Mittendrin rückt die Belange von Menschen mit Behinderung in den Fokus und versteht sich als Beitrag für eine vielfältige Gesellschaft, an der alle Menschen gleichberechtigt teilhaben können.

Für die Inhalte der Ausstellungsbeiträge sind die Autorinnen und Autoren selbst verantwortlich.
 

Corona war erstmalig und es war sehr ungewohnt, dass alles zu war, wie zum Beispiel die Eisdielen.
Die Quarantäne war ungewohnt.
Ich bin mir noch immer unsicher, wie ich damit umgehen soll. Ich bin auch verunsichert darüber, was ich machen soll, damit andere sich nicht anstecken und die mich auch nicht anstecken.

Die vergangenen Monate empfand ich mit gemischten Gefühlen. Die Masken fand ich ungewohnt, war alles neu für mich. Dass man sehr wenig Kontakt zur Außenwelt hatte, also nur durch das Telefonieren, fand ich komisch.

Ich verbinde mit Corona Ängste. Ich fand es jedoch schön, dass ich lange Zeit mit meiner Mutter verbringen konnte. Sie war zu der Zeit wegen Corona nicht arbeiten.
 

Festgehalten wegen Werkern
sitzt da oben jetzt die Tant‘!
Bald nun soll der Aufzug werden,
Auf! Monteure seid zur Hand!

Da, wo Krach und Lärm sich paaren,
Staub und Abfälle nicht sparen
Nimmt die Arbeit ihren Gang…

Von der Stirne heiß
rinnt Gedankenschweiß,
hilft in der Klausur da oben
gute Fügung laut zu loben.

Denn oben waltet die einsame Hausfrau
Beim Regeln des Alltags,
führt Telefonate
am laufenden Bande,
die frustrierte Tante!!

Müde in die Ruhestätte
sinkt sie abends in ihr Bette.

Seht nur wie die Nachbarn ticken,
Nötiges nach oben rücken!
So ist mit Geschickes Mächten
doch ein guter Bund zu flechten!

Malteser-Helfer, segensreiche,
servieren Essen – oft das Gleiche –,
dennoch sehr lecker, wie ich finde,
wenn ich meine Schürze binde.

Freude hat der Herr gegeben,
Warten auf patenten Lift.
Homeoffice erfüllt das Leben.
So wird Langeweil‘ umschifft.

Heftig lass‘ ich Glocken bimmeln,
wenn es endlich heißt: Es klappt,
danke gerne allen Himmeln,
wenn’s Verbotsschild nicht mehr pappt.

Bald ist dann nicht mehr sehr fern
ein kleines Leben auch extern
in Haus, gen Keller und den Hof,
wenn auch mit Maske – das ist doof!

Virus heißt eine weit’re Plage.
Mühsam macht sie nun uns’re Tage!
„Maskenball“, A H A, sind Pflicht
für Abstand, Hände und Gesicht.
Mit solchem Schutz wird es gelingen,
die Unzeit heile zu verbringen.
Corona wird der Marsch geblasen
mit Impfstoff dann für bess’re Phasen.

Parole heißt: Vorsicht, Geduld.
Einsicht verlieren: selber schuld!
Und auch Humor hilft sonder Zagen,
Beschwernisse leicht zu ertragen.

Den Docht der Hoffnung halt‘ am Klimmen,
dann werden Deine Tage stimmen.
 

Mein Name ist Brigitte Sykora. Ich habe eine kleine Wohnung (Appartement) für mich und habe eine schöne Aussicht.

Als Corona anfing, musste ich alleine in meinem Appartement essen. Ich durfte nicht mehr in der WG (Wohngemeinschaft) zu Mittag essen. Auch nicht mehr mit ihnen spazieren gehen. Ich fühlte mich alleine und ausgegrenzt. Ich hatte weniger Hunger. Das musste ich erst einmal verarbeiten!

In der Zwischenzeit darf ich wieder in der Wohngemeinschaft mittags essen. Auch gehen wir teilweise miteinander spazieren. Diese Lockerungen haben mir sehr geholfen.

Ich war während der Zeit froh über Einzelkontakte. Entweder wenn eine Unterstützungskraft kam, um mich beim Haushalt zu unterstützen, oder einzelne Gespräche mit anderen Personen.

Ich ging alleine in die Stadt (mit Maske). Zeitweise hatte nur das K3 in Heilbronn geöffnet. Nach und nach öffneten weitere Geschäfte (Kaufhof, C&A, Media Markt u.a.). Da ging es mir auch wieder besser. Vorher war es so ruhig in der Stadt gewesen.

Um mich selbst hatte ich während der ganzen Zeit keine Angst krank zu werden.
 

Die Corona-Zeit war für uns als Familie kein größeres Problem, sondern wir sehen sie als Chance und Herausforderung.

Es war sehr interessant für mich, von meinem gehandicapten Onkel (blind und gehseitige Behinderung) zu hören, wie er das Virus sieht. Das Einhalten der Abstandsregeln hat von Anfang an perfekt geklappt. Die Anpassung war problemlos und ohne Diskussion! Obwohl er gehandicapt ist, war das für ihn kein Problem, denn er ist intelligent und sieht die Welt anders. Es ist einfach interessant!

Jeden Tag ist bei uns etwas los; es wird nie langweilig. Wir unterstützen uns, denn wer ist schon perfekt?!
Er besitzt ebenfalls eine schöne selbst genähte Maske mit gleichem Motiv wie unsere Masken, denn er gehört zu uns. Wir sind eine Familie!

Wir leben nach dem Grundsatz: Wir sehen die Stärken von jedem Einzelnen! Die Schwächen sehen wir nicht, weil diese von alleine auffallen. Angst vor dem Virus haben wir keine. Wir nehmen es, wie es ist und sind vernünftig, so wie es von allen erwartet wird.

Natürlich freuen wir uns auf die Zeit nach dem Virus, wenn wir unsere Freunde und Bekannte wiedersehen und in die Arme schließen können.
 

Ich lebe in einer Wohngemeinschaft für Menschen mit körperlicher Einschränkung in Heilbronn.
Eine Situation ist mir beim Thema Corona besonders in Erinnerung geblieben.

Ich arbeite auf dem ersten Arbeitsmarkt in einem Call Center. Durch meine Behinderung bin ich darauf angewiesen, dass ich täglich mit dem Taxi zur Arbeit gefahren werde. Aufgrund meiner Einschränkung ist es für mich wichtig im Auto vorne zu sitzen. Leider musste ich die Erfahrung machen, dass eine Taxifahrerin zu Beginn der Coronazeit mich nicht mitnehmen wollte. Sie sagte mir, dass sie die Anweisung hat, dass Fahrgäste hinten sitzen müssen. Dies war für mich unverständlich, da ich immer eine Maske trage. Ich fühlte mich dadurch eingeschränkt.

Mittlerweile habe ich mit der Taxizentrale die Vereinbarung, dass nur noch bestimmte Fahrer zu mir kommen, die über meine Situation Bescheid wissen und mich dann trotzdem mitnehmen.

In meiner Wohngemeinschaft konnte ich beobachten, dass einige meiner Mitbewohner große Angst hatten und sehr unsicher mit der Corona-Situation umgegangen sind. Aktuell bin ich froh, dass ich, aber auch meine Mitbewohner, gelernt haben mit der Situation umzugehen.
 

Am Anfang mit Corona war es recht schwer.
Man bekam keine Besuche mehr.
Die Tische wurden im Heim aufgestellt,
es war um die Ruhe schlecht bestellt. 
Zum Glück durften wir die Natur genießen.
Wir brauchten nicht zu verdrießen.
Die Gaben wurden vor die Tür gestellt,
sonst wäre es für uns gewesen schlecht bestellt.
Dann durften uns Verwandte und Bekannte anrufen, um uns zu verabreden und besuchen.
Sie mussten alles buchen.
Wie froh waren wir, wenn wieder Besuche kamen
und Ausflüge möglich waren.

Ja, man war gut drauf, wenn man wusste, sich zu beschäftigen.
Alle sind froh, wenn es etwas besser ist und man nicht mehr in Quarantäne ist.

Wolltiere, die während der Corona-Zeit entstanden sind:
 

Unsere schwerbehinderte Tochter, wohnt bei den Eltern und arbeitet seit Jahren in der Werkstatt in Bad Friedrichshall. Der Tagesablauf war bisher strukturiert, aber die Coronamaßnahmen brachten vieles durcheinander. Zunächst war es für unsere Tochter unverständlich, dass sie ab März die Werkstatt nicht mehr aufsuchen und arbeiten durfte, auch vermisste sie den tagtäglichen Kontakt zu ihren Arbeitskollegen.

Für uns, ihre Eltern, galt es nun diese Lücke zu schließen. Eine Notbetreuung war nicht notwendig, aber die Herausforderung einer Rundumbetreuung war doch mit erheblichen Anstrengungen verbunden. Unsere Tochter war jetzt ständig zu Hause und wollte beschäftigt werden. Da aufgrund der Einschränkungen Aktivitäten fast nur zuhause möglich waren, wurde zunächst eine neue Struktur erstellt und unsere Tochter in den Tagesablauf eingebunden.

So hilft sie ihrer Mutter bereits beim Frühstück. Ihre Aufgabe ist das Zubereiten der Spiegeleier. Ganz stolz ist sie darauf, wenn alle drei Eier ohne zu zerlaufen in der Pfanne sind. Danach folgt der „Abwasch“, d.h. das Einräumen in den Geschirrspüler, und anschließend wird die Zeitung gelesen. Da sie weder lesen noch schreiben kann, „wünscht“ unsere Tochter, dass ihr interessante Berichte und Bilder nicht nur vorgelesen und gezeigt, sondern auch erklärte werden.

Danach folgt ein Spaziergang mit dem Hund, wobei dies meistens für unsere Tochter eine Ausfahrt mit dem Auto durch das väterliche Jagdrevier bedeutet, denn der Bewegungsdrang von ihr hält sich in Grenzen. Zum Mittagessen trägt sie nicht nur ihre Wünsche vor, sie hilft auch mit indem sie z.B. das Gemüse schnitzelt.

Nach dem Mittagessen stellt sich bei unserer Tochter eine Müdigkeit ein und es folgt ein ausgiebiger Mittagsschlaf. Nach dessen Beendigung stellt sich die Frage nach einem Kaffee und einer kleinen Süßigkeit. Anschließend steht wieder die Beschäftigung im Vordergrund und es folgen mehrere Runden „Mensch ärgere dich nicht“, wobei es unsere Tochter mit der Würfelzahl nicht so genau nimmt und diese gerne zu ihrem Vorteil auslegt.

Gegen Abend erfolgt der zweite Spaziergang (Ausfahrt), wobei unsere Tochter Tiere beobachtet. Ein Höhepunkt ist die Beobachtung der Tiere bei Nacht, wozu sie „ihre“ Taschenlampe einsetzt und besonders stolz ist, wenn sie als „Erste“ Tiere entdeckt.

Nach dem Abendessen wird vor dem Fernseher Platz genommen, wobei unsere Tochter schon nach kurzer Zeit auf der Couch einschläft, da der Tag, aufgrund der Angebote durch die Eltern, trotzdem so anstrengend war.

Auch wir, die Eltern, sind oft so erschöpft, dass wir das Fernsehprogramm nur teilweise mitbekommen. Unsere Gedanken sind oft schon beim nächsten Tag und wir überlegen, was wir unserer Tochter noch anbieten können um ihr die derzeitige Situation zu erleichtern.
Trotz dieser Angebote bemerkt sie diese einschneidenden Veränderungen und sie fragt oft, wann dieses „Scheiß-Virus“ vorbei ist.

Anzumerken ist, dass die Mitarbeiter der Werkstatt des Öfteren den telefonischen Kontakt mit unserer Tochter suchten, was für sie wichtig war, da sie erkannte nicht „vergessen“ zu werden.
Nach Wiederöffnung der Werkstatt im Juli, wurde sie zur Heimarbeit eingeteilt, was bedeutet, dass einige Stunden am Tag wieder mit Arbeit ausgefüllt werden, ihre Eltern aber, nach wie vor, für den restlichen Tag als Programmgestalter gefordert sind.
 

Hallo ich bin Steffen und habe das Down-Syndrom. Ich arbeite in einer Werkstatt/Abteilung Schreinerei und wohne in Heilbronn. Also geht es mir gut.

Doch im März gab es auf einmal überall nur noch das Wort Corona und Tod. Was soll das sein? Ich wollte, dass das aufhört, denn ich will nicht sterben. Und dann auch das noch: ab 20. März 2020 durfte ich nicht mehr zu meinem Arbeitsplatz. Die Werkstatt wird geschlossen, sagten meine Eltern. Wie geht das?

Ich habe sehr oft weinen müssen und wusste überhaupt nichts mehr. Auch alle Freizeitangebote wurden abgesagt. Das Fitnessstudio geschlossen. Ich konnte dann auch nicht mehr in meiner Wohnung bleiben, weil meine Eltern große Angst um mich hatten.

Doch was soll ich den ganzen Tag tun, wenn ich nicht arbeiten darf? Da habe ich gemerkt, dass meine Eltern alles für mich geändert und auch ihre Strukturen umgestellt haben. So haben wir gemeinsame Arbeiten im Garten und im Haus durchgeführt. Mittags haben wir öfters Wanderungen in der Umgebung unternommen. Das haben meine Eltern noch nie getan – spazieren gehen an einem Werktag. Zum Glück war das Wetter immer gut.

Nach vielen Gesprächen und Erklärungen mit meinen Eltern zu Corona habe ich manchmal verstanden, dass Corona nicht einfach aufhört.

Aber wann denn? Ich will doch nur, dass alles wieder so ist wie es war: arbeiten, Freunde treffen, Computer- und Bandkurs besuchen, meine Schwester und ihre Familie besuchen, trainieren im Fitnessstudio. Irgendwann habe ich mir gedacht, ich muss für meine Muskeln in meinem Zimmer trainieren. Schön war, dass meine Mutter mit mir trainiert hat. Das war für sie anstrengend, denn ich hab das schon kontrolliert. Aber wir hatten Spaß dabei.

Dann hatte ich noch eine Idee: da meine Mutter immer für uns kocht, wollte ich auch mal für meine Familie kochen. Mutter und ich gingen einkaufen. Alles was ich benötigte, hab ich in den Einkaufswagen gelegt (Mutter hat nichts gesagt). 

Zu Hause angekommen habe ich meinen Speiseplan verkündet: Gemüsepfanne. Mein Vater hat etwas eigenartig geschaut, denn er mag Gerichte mit Fleisch. Ich hab alles Gemüse klein geschnitten und in die Pfanne mit Kräuterbutter getan. Am Herd wurde ich unterstützt. Ich war richtig glücklich: alle haben ihren Teller leer gegessen und meine Eltern haben sich bei mir bedankt und auch mein Vater war doch sehr tapfer. Da hab ich gedacht, das mache ich nächste Woche wieder. So war es auch.

Um nicht so traurig zu sein, hab ich mir noch ausgedacht: ich mache ein Buch über meine Wünsche.
Ich bin Schreiner. Mein Traum ist einen Bauernhof in den Bergen zu haben und Bauer sein.
So habe ich meine Bücher mit Bauernhof und Bergen genommen und damit gearbeitet. Dabei war ich glücklich denn meine Gedanken hatten keine Möglichkeit bei Corona zu sein.

Nach Wochen der Traurigkeit konnte ich manchmal auch wieder richtig glücklich sein. Mein Abteilungsleiter der Schreinerei hat mich angerufen und mit mir geredet. Er sagte, dass ich ihm sehr fehle und er sich freut, wenn er mich wiedersehen kann. Wie war ich glücklich!

Dann habe ich von der Werkstatt zu Ostern auch noch eine Postkarte bekommen. Das war gut.
Und dann haben mich auch noch meine Unterstützungskräfte besucht. Wir konnten im Garten Kaffee trinken. Anschließend haben wir in unserem Ort einen Spaziergang unternommen und so konnte ich ihnen meine Heimat zeigen. Besonders schön dabei, wir haben Bewohner unseres Ortes getroffen und alle haben mit uns geredet. Das ist die wirkliche Heimat, wenn man dazu gehört und Freunde hat. Dabei haben wir wieder erlebt, wie wichtig die sozialen Kontakte für alle Menschen sind.

Was verbinden Sie mit Corona? So die Fragestellung der Aktion „Mittendrin 2020 – Alltag mit Corona“.
Ich verbinde mit Corona eine tiefe Traurigkeit. Und überhaupt Kontaktsperre – meine Familie erklärt auch das immer wieder und trotzdem fällt es mir schwer das einzuhalten. Aber solange Frau Merkel und Herr Kretschmann das sagen, werde ich das natürlich einhalten.

Das Schönste – ich darf wieder zur Arbeit in die Werkstatt, meinen Chef treffen und alle meine Arbeitskollegen. Wenn ich morgens ankomme, wird zuerst Fieber gemessen, dann darf ich eintreten. Regelmäßig gibt es auch Schulungen, damit alle die Hygienevorschriften und Corona-Regeln einhalten. Das finde ich o.k.

Ja… Hurra ich lebe noch!

Das Bauernhofbuch, das während der Corona-Zeit entstanden:
 

Mittendrin 2020 – Alltag in Zeiten von Corona unserer Selbsthilfeorganisation
Wie eine Gemeinschaft in Zeiten einer kranken Welt besondere Stärke geben kann.

Wir sind besonders – weil wir auch in Zeiten von Corona zueinander halten.
Wir sind besonders – viele von uns haben ein Handicap aber dafür besondere Fähigkeiten.
Wir sind besonders – weil wir keine Schuldigen suchen, sondern unser Leben selbstbestimmt gestalten.

Für das Jahr 2020 hatten wir uns viel vorgenommen. Öffentliche monatliche Treffen standen auf unserem Plan, Informationsstände bei Veranstaltungen waren vereinbart, der Aktionstag der Aktion Mensch zu „Inklusion leben“ vorbereitet, Gottesdienste in der Nikolaikirche organisiert, Beratungsangebote veröffentlicht und, und, und. Dann kam Corona. Lockdown!

Ab April waren alle Zusammenkünfte mit mehr als 5 Personen verboten.

Fast alle von uns zählen zur Risikogruppe. Um Leben nicht zu gefährden beschlossen wir räumlichen Abstand zu halten. Deshalb konnte auch unser Gruppentreffen am 24.April nicht wie gewohnt stattfinden. Stattdessen nutzten wir die Möglichkeiten, die das Internet und das Telefon uns boten. So entstand eine muntere WhatsApp-Gruppe, der Sprecherrat traf sich zu Online-Konferenzen und am 8. Mai fand das erste öffentliche Treffen unserer Selbsthilfegruppe online statt.

Als neues festes Thema führten wir „Meine (Arbeits-)Welt in Zeiten von Corona – was geht, was fehlt, was mir Sorgen macht“ ein. Der Erfahrungsaustausch erhielt besonderes Gewicht, nachdem eine von uns und Familienmitglieder erkrankten und positiv getestet worden waren.

Im Juli schien das Schlimmste überwunden. „Hurra! Es ist wieder soweit. Wir können uns leibhaftig wiedersehen. Um Leben und Gesundheit nicht zu gefährden beachten wir die Hygieneregeln und halten 1,5 bis 2 Meter Abstand“ schrieben wir in unserer Einladung für den 25. Juli. Der BILDUNGSPARK hatte uns den barrierefreien Raum BISTRO HR7 zur Verfügung gestellt.

Ab Juli konnten wir dann auch wieder unter AHA unser Beratungsangebot beim Seelenschmaus der Nikolaikirche anbieten. Immer am ersten Dienstag im Monat sind wir in lockdown-freien Zeiten dabei.

„Stark durch Perspektivenwechsel“ war das Thema unseres Theaterworkshops. Zu Beginn noch mit realen Treffen unter Einhaltung von Hygiene- und Abstandsregelungen, dann in Form von Online-Treffen. Uns hat die Zusammenarbeit am Film, auch wenn das online nicht einfach war, viel Spaß gemacht. Das Video soll auch anderen in Zeiten von Corona Mut machen. Unsere Gemeinschaft gibt Stärke. Wir unterstützen uns in alltäglichen Dingen. Wir sind rücksichtsvoll, achtsam und hören einander zu. Bei unserem Vorhaben wurden wir von der Schauspielerin Cosima Greven, dem Regisseur Christian Marten-Molnar und dem Poetry-Slammer Gregor Landwehr unterstützt.

Am 3.Dezember, dem internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen, stellen wir unser Videoprojekt „Gemeinsam besonders stark!“ ins Netz. Wir wollen damit zeigen, dass eine Gemeinschaft in Zeiten einer kranken Welt besondere Stärke geben kann. Labsal für die kranke Seele.

Im Juli, August und September haben wir uns dann wieder nach außen gewagt. Der Sommer machte es möglich. Unsere Treffen konnten mit Abstand im Freien stattfinden. Diese Möglichkeit ist jetzt wieder vorbei.

Unsere Treffen im Oktober und November fanden online statt. Sogar der Theater/Video-Workshop. Das war eine besondere Herausforderung, die wir aber mit Begeisterung gemeistert haben. Inzwischen sind Online-Treffen die neue Normalität.