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Kultur & Freizeit

Neue Theaterchefin: Es wird schriller und musikalischer

Mit Solvejg Bauer steht erstmals eine Frau an der Spitze des Heilbronner Theaters. Im Interview blickt die neue Intendantin auf ihre erste Spielzeit und neue Perspektiven. Ein Bürgerschaftschor, Monströses oder eine eigene Popmusik-Reihe sind wichtige Elemente - zudem will sie mehr eigene Produktionen erschaffen und die Besucherzahlen durch Angebote für alle steigern.

Das Bild zeigt die neue Intendantin Solvejg Bauer auf den Treppen des Heilbronner Theaters.
Kündigt neue Wege und mehr eigene Produktionen an: die neue Theaterintendantin Solvejg Bauer. (Foto: Stadt Heilbronn/Friese)

Von der Großen Kreisstadt Ettlingen in die kleine Großstadt Heilbronn: Was hat Sie gereizt, hier neu anzufangen?

Solvejg Bauer: Die hohe Lust in dieser Stadt, Dinge anzugehen und zu verändern. Ich war mit meinen Kindern öfter in der Experimenta und habe erlebt, mit welcher Dynamik sich die Stadt entwickelt. Das hat mich fasziniert. Als ich einen Hinweis auf die Ausschreibung bekam, habe ich schnell entschieden, mich zu bewerben.

„Wir bauen eine große Brücke und flankieren viele Stücke mit partizipativen Formaten. Wir bieten der Bürgerschaft an, an ihrem Stadttheater mitzuwirken.“ 
 

Nach vielen Männern an der Spitze haben Sie den Hut auf. Was wollen Sie Neues anbieten, um Bürgerinnen und Bürger fürs Theater zu begeistern?

Ich bringe meine eigene künstlerische Perspektive mit, schaue anders auf Stoffe, Besetzungen und darauf, wie sich ein Stadttheater mit seiner Stadt verbinden kann. Ein Perspektivwechsel ist spannend, neuartig, ungewohnt. Das Musiktheater stellen wir zum Beispiel auf den Kopf, indem wir keine Gastspiele mehr einladen. Und wir bauen eine große Brücke, indem wir viele Stücke mit partizipativen Formaten flankieren. Wir bieten der Bürgerschaft an, an ihrem Stadttheater mitzuwirken. Wir gründen einen Bürgerschaftschor, haben Jugendensembles, wollen eine kleine Blasmusikcombo und Tanzende dabei haben – auf hohem Niveau. 

Was bringen Auftritte von Laien Theater und Publikum?

Menschen aus der Stadt bringen Erfahrungen, Perspektiven und eine Präsenz auf die Bühne, die unser professionelles Ensemble und unsere Künstlerinnen und Künstler ergänzen können. Wenn man das gut aufbaut, gibt man der Kunst noch etwas dazu, ist meine Erfahrung der letzten Jahre. Und wir binden uns gut an, haben direkten Kontakt zu den Menschen und erfahren, welche Themen und Linien in der Stadt gerade wichtig sind.

Warum keine Gastspiele mehr?

Wir haben hier wahnsinnig tolle Werkstätten am Theater, für Bühnenbilder, für Kostüme. Wir können vieles selbst produzieren und authentische Produktionen machen. Es wird immer wichtiger für Städte, ihren eigenen Charakter und eine eigene Identität zu finden. Das kann nicht einfach eingekauft werden von außen. Wir haben einen wahnsinnig reichen Schatz an hochkarätigen Musikerinnen und Musikern in der Region, denen wir mehr Jobs geben können. Das wird auch sehr dankbar angenommen.

Welche Stücke sind Neuland?

Wir teilen den Spielplan in zwei Hälften, in Winter und Frühjahr. Wir bringen zuerst das Monströse, das Abgründige, das Abseitige auf verschiedenen Ebenen; in der zweiten Hälfte wollen wir uns eine Art Utopie anschauen, wo könnten wir uns hinsehnen und wo wollen wir uns hinentwickeln? Aus diesen Kosmen schöpft sich das Stücke-repertoire. Die Komödie Perplex ist hier in Heilbronn noch nie aufgeführt worden, aus der Addams Family machen wir eine eigene Heilbronner Fassung. Und das Stück Stella ist ein sehr streitbarer und interessanter Stoff.

Wird es schriller, musikalischer und auch poppiger am Heilbronner Theater? 

Das wird es. Wir wollen eine eigene Popmusik-Reihe etablieren. Die in deutschen Kulturinstitutionen noch immer verbreitete Trennung zwischen ernster Musik und Unterhaltungsmusik habe ich nie verstanden. Unterhaltungsmusik hat auch große Tiefe, mit wunderbaren Kompositionen - und einen ganz anderen Zugang zu Menschen, die sonst nie ins Theater finden. 

In Ettlingen haben Sie die Besucherzahlen deutlich nach oben schrauben können. Ist das auch ein Ziel für Heilbronn?

Natürlich. In diesen Zeiten ist es ganz wichtig, dass die Menschen ins Theater gehen. Wir müssen ein Theater anbieten, das für viele oder alle zugänglich ist. Da haben wir uns anzustrengen, ein vielseitiges Angebot zu schaffen, das für die Heilbronner Bevölkerung  interessant und inspirierend ist. Und: Ein volles Haus ist für uns immer ein großes Geschenk. 

Das Stück Stella inszenieren Sie mit Musik im Stil der 1930er Jahre auch selbst. Darin verrät die Hauptfigur, eine Jüdin, in der NS-Zeit jüdische Menschen an die Nazis. Warum haben Sie dieses Stück ausgewählt? 

Die Figur ist extrem schwer zu greifen: Stella Goldschlag ist selbst als Jüdin der nationalsozialistischen Verfolgung ausgesetzt und wird zugleich zur Täterin, indem sie andere Jüdinnen und Juden aufspürt und verrät. Diese Gleichzeitigkeit von Verfolgung und eigener Schuld macht sie so verstörend. Es ist eine authentische, biografische Figur. Der Blick auf Stella Goldschlag und auf das Stück war bislang stark männlich geprägt. Mich interessiert, was sich verändert, wenn wir diese Geschichte aus einer weiblichen Perspektive erzählen.

Was sollte man in dieser Spielzeit auf keinen Fall verpassen?

Natürlich möglichst viel. Unbedingt anschauen würde ich mir The Addams Family, Perplex und Stella. Und im Juni wird die Hermannsschlacht ein besonderes Ereignis: Wir spielen Kleists Stück als Wan-derepos durch vier Spielstätten des Theaters – und die Zuschauerinnen und Zuschauer wandern mit.

ZUR PERSON Solvejg Bauer (49), geboren in Stuttgart, wuchs in Esslingen auf und studierte Musiktheater-Regie, Philosophie und Musikwissenschaft in Hamburg und Berlin. Sie arbeitete als Spielleiterin und Regisseurin an verschiedenen Theatern und als Dozentin an Musikhochschulen. Zuletzt war die dreifache Mutter Intendantin der Schlossfestspiele Ettlingen.