Kontrastansicht zur Hauptnavigation zum Hauptinhalt
Umwelt & Mobilität

Nächtlicher Einsatz für wandernde Erdkröten am Ziegeleipark in Böckingen

Wenn die Dämmerung einsetzt, beginnt im Böckinger Ziegeleipark ein besonderer Einsatz: Ehrenamtliche retten wandernde Erdkröten und bringen sie sicher zu ihren Laichgewässern. Unterstützt von der Stadt Heilbronn entsteht so jedes Frühjahr ein starkes Zusammenspiel für den Artenschutz vor Ort.

Auf dem Foto ist eine Erdkröte sitzend auf einer Straße zu sehen.
Im Frühjahr beginnt für die Erdkröte eine entscheidende Phase ihres Lebens: Mit den ersten milden, regnerischen Nächten wandern die Tiere aus ihren Winterquartieren zu ihren angestammten Laichgewässern. Foto: Milva-Katharina Klöppel

„Über 1000 Kröten haben wir hier am Ziegeleipark in Böckingen in den letzten Tagen eingesammelt“, sagt Nicole Simon vom NABU Heilbronn. Für die 53-Jährige beginnt der Einsatz, wenn andere längst auf dem Sofa sitzen: Nacht für Nacht ist sie mit weiteren Freiwilligen unterwegs, um die wandernden Erdkröten zu retten. Mit Taschenlampen, Warnwesten und Eimern gehen sie den Schutzzaun am Bruhweg ab, sammeln die Tiere ein und bringen sie behutsam in Sicherheit. Die große Wanderung klingt inzwischen ab, doch noch immer sind die Krötenretter unterwegs.

Gemeinsam für die Krötenwanderung

„Die Familienplanung der Amphibien will auch von der Stadt Heilbronn gut geplant sein“, sagt Wolf-Dieter Riexinger von der Unteren Naturschutzbehörde. Gleich mehrere Ämter der Stadt sind eingebunden: Das Planungs- und Baurechtsamt mit der Abteilung Umwelt- und Arbeitsschutz koordiniert den Einsatz, das Amt für Straßenwesen ordnet Geschwindigkeitsbeschränkungen an, das Betriebsamt stellt die Schilder auf. Mit dem Auf- und Abbau der Amphibienschutzzäune ist die Aufbaugilde betraut.

Vor Ort laufen die Fäden bei Nicole Simon zusammen: Sie koordiniert die ehrenamtlichen Helferinnen und Helfer und dokumentiert die gefundenen Tiere – nach Art und Anzahl. Der gemeinsame Einsatz von Stadt und Ehrenamt ist damit ein wichtiger Baustein für den lokalen Artenschutz – auch, weil Amphibienbestände vielerorts seit Jahren unter Druck stehen.

Eine junge Krötenexpertin im Einsatz

Dass der Einsatz auch den Nachwuchs begeistert, zeigt Elena: Mit sieben Jahren ist sie eine der jüngsten und zugleich aktivsten Helferinnen. Bereits im zweiten Jahr ist die Zweitklässlerin dabei – und mittlerweile eine echte Krötenkennerin.

„Das ist ein Männchen“, stellt sie mit einem schnellen Blick auf die Kröte fest, die sie gerade vorsichtig hochgehoben hat. „Es ist kleiner als die Weibchen, hat schwarze Finger und quakt.“ Wie zum Beweis stößt die Erdkröte ein kurzes, helles Quieken aus – ein überraschend feiner Laut, der so gar nicht zu ihrem gedrungenen Körper passen will. Dass vor allem Männchen unterwegs sind, ist kein Zufall: Auf dem Weg zu den Laichgewässern sind sie deutlich in der Überzahl, wie Nicole Simon erklärt.

Auf dem Weg zum Laichgewässer

Im Frühjahr beginnt für die Erdkröte eine entscheidende Phase ihres Lebens: Mit den ersten milden, regnerischen Nächten wandern die Tiere aus ihren Winterquartieren in Wäldern, Gärten oder unter Steinen zu ihren angestammten Laichgewässern. Dabei kehren sie jedes Jahr an denselben Ort zurück und legen zum Teil mehrere hundert Meter, manchmal sogar Kilometer zurück. In diesem Jahr setzte die Wanderung bereits Ende Februar ein.

Die Erdkröte (Bufo bufo) ist in weiten Teilen Europas verbreitet und zählt zu den bekanntesten Amphibienarten. Sie kann bis zu zehn Jahre, in Einzelfällen sogar deutlich älter werden. Typisch sind ihre bräunliche, warzige Haut und die auffälligen goldenen Augen mit waagerechter Pupille.

Vom Laich zur jungen Kröte

Die Fortpflanzung findet ausschließlich im Wasser statt. Dort legen die Weibchen lange, gallertartige Laichschnüre ab, die mehrere tausend Eier enthalten können. Aus ihnen schlüpfen nach einigen Tagen Kaulquappen, die sich im Laufe von Wochen zu kleinen Kröten entwickeln. Nach der Metamorphose verlassen sie das Wasser und leben an Land, bis sich der Kreislauf im nächsten Frühjahr wiederholt.

Wenn das Wetter den Takt vorgibt

Wie viele Tiere unterwegs sind, hängt stark vom Wetter ab. Vor allem milde, feuchte Nächte bringen die Erdkröten in Bewegung. Dann kann es am Schutzzaun schnell voll werden – und für die Helferinnen und Helfer gibt es viel zu tun. An besonders guten Abenden sammeln sie in kurzer Zeit Dutzende, manchmal sogar Hunderte Tiere ein. „Durch die Regentage und warmen Abende war der Hauptzug in diesem Jahr sehr zügig“, sagt Nicole Simon. „In der Vergangenheit hat es sich auch schon mal über acht bis zwölf Wochen hingezogen.“

Artenschutz beginnt vor der Haustür

Inzwischen ist Elena mit ihrer Mutter und den anderen Ehrenamtlichen im Ziegeleipark am See angekommen und hilft einem laichreifen Weibchen ins ersehnte Wasser. „Es macht Spaß, abends ein bisschen spazieren zu gehen und dabei zu helfen“, sagt sie.

Auch ihre Mutter Patrycja Czerwinsk schätzt den Einsatz: Durch die Aktion habe sie viele Menschen aus der Nachbarschaft kennengelernt. In der Krötenretter-App hat sie allein für den Standort Ziegeleipark Böckingen 221 gerettete Tiere dokumentiert – und auch zehn tote. „Das lässt sich leider nicht ganz vermeiden“, erklärt Nicole Simon.

Vielen sei nicht bewusst, dass die gut getarnten Tiere im Dunkeln auf Wegen und Wiesen sitzen. Erst vor wenigen Tagen habe sie Jugendliche angesprochen, die mit E-Scootern durch den Park fuhren und dabei unbeabsichtigt Amphibien überrollten. „Umso wichtiger ist es, dass wir auch mit dem Kindergarten um die Ecke und der Luise-Bronner-Realschule gemeinsam sammeln und die Kinder für das Thema sensibilisieren“, sagt Simon. „Nur was ich kenne, kann ich auch schützen.“
 

Themen
  • EGC